─   GESCHICHTE DES SCHÜTZENAUSMARSCHS   ─   TEIL 5   ─



Ehrenschilder für die Stadtkönige männlich (samt zugehöriger Wildschwein-Figur), jugendlich, weiblich:



Ehrungen von Schützenkönigen  /  Vorzug

Heute ist das Prestige des Städtischen Schießens sehr gering, die Verehrung der Schützenkönige im Zug fällt hingegen zünftig aus. Früher war es andersherum: Die Schießwettbewerbe hatten überaus große Bedeutung, zogen aber keine allzu starke Verarbeitung beim Schützenausmarsch nach sich. Dementsprechend sind auch nur wenige historische Erwähnungen zu dem Thema bekannt. Während der etwa 300 Jahre unter dem Banner des Freischießens wurde zudem nicht der ultimative Stadtkönig ausgeschossen, sondern es waren stets zahlreiche Preise auf verschiedene Scheiben und Distanzen ausgelobt. Im 18. Jahrhundert trugen die Gewinner beim Einmarsch und beim passenden Ausmarsch des nächsten Jahres bebänderte Kränze, dies gemäß einer Quelle weder um den Hals noch über der Schulter, vielmehr auf dem Hut. 1814 wurden stattdessen die Ketten mit silbernen Schildern eingeführt. Aus den 1830er Jahren stammt die Notiz, daß beim Ausmarsch des Dienstags die besten Schützen vom Montag schon mit solchen Ehrenschildern geschmückt waren, beim Ausmarsch des Mittwochs diejenigen vom Dienstag, und beim montäglichen ersten Ausmarsch müssen es folglich diejenigen vom Vorjahres-Mittwoch gewesen sein. Mitteilungen zur Positionierung finden sich in den 1880er Jahren (als das Schießen weiterhin von Montag bis Mittwoch lief, jedoch nur noch am Montag der Schützenausmarsch anstand, der damals in drei Züge unterteilt war). Die besten Schützen vom Vorjahres-Montag gingen vorn im 1. Zug, diejenigen vom Vorjahres-Dienstag vorn im 2. Zug, diejenigen vom Vorjahres-Mittwoch vorn im 3. Zug, genauer gesagt jeweils hinter der Leitkapelle und vor der Zugfahne. Um 1900 hieß es, daß alle Sieger des Vorjahres gesammelt auf die erste Kapelle folgten, welche gleichbedeutend mit der Leitkapelle des 1. Zuges war. Da sich die komplette Schützenschaft schon in Vereinen organisiert hatte, erschien es aber nicht mehr geschickt, so viele Schützen im Zug von diesen abzutrennen. Die Kettenträger marschierten dann in den ersten Reihen ihrer Vereinsblöcke, wo andere als diese Ehrenschilder auch nicht erlaubt waren. Wann und wie nach dem 2.WK die übergeordneten Ehrungen für die „Stadtkönig“-Konkurrenzen männlich, weiblich und jugendlich aufgenommen wurden, ist hier noch unzureichend erforscht.

1954, 1955 oder 1956 erblickte der Vorzug das Licht der Welt. Seine anfängliche Ausstattung umfaßte einige Nummern, die von den Nähe-und-Distanz-Verhältnissen her in jedem der vier Züge falsch aufgehoben waren/wären: Die Standarten des „Verbandes Hannoverscher Schützenvereine (VHS)“ und des „Niedersächsischen Sportschützenverbandes (NSSV)“, Vertreter aus der Politik und andere Ehrengäste (mit Kutsche), eingeladene Landesschützenkönige und etwaige Bundesschützenkönige, dazu als Zugspitze die Gilde-Reiterei sowie die repräsentative erste Kapelle, von der am Neuen Rathaus auch das Eröffnungslied gespielt wird. Die drei genannten Stadtkönige mögen auch schon dazugehört haben, können momentan aber erst ab 1970 bestätigt werden. Bekanntlich wählt ihr Verein die Darstellungsform aus, ob zu Fuß gehend, in Rikscha, PKW oder Kutsche fahrend, und es hängt immer ein riesiger Troß dran, aus dem Schützen­verein, dessen begleitendem Musikzug, Gastvereinen und evtl. noch einem Fahrzeug. In den Vorzug wurden dann auch große Festwagen meist schützenferner Organisationen aufgenommen, ausgewählte - bevorzugt weitgereiste - Musikzüge und sonstige Gruppen, manchmal zur Abmischung noch anderes. Seit 1977 ist jeder VHS-Mitgliedsverein alle 25 Jahre als Jubilant vorn mit dabei, was im ersten Jahr allein den Ideengeber SG Wilhelm Tell v. 1952 betraf, sonst aber oft gleichzeitig mehrere Vereine, immer mit Troß. Später kamen noch das „Collegium ehemaliger Bruchmeister“ dazu, und Schützenkönige weiterer Konkurrenzen, immer mit Troß...

Bei dem enormen Umfang erstaunt es, daß die Einrichtung Vorzug lange Zeit nicht benannt wurde. Man hatte schlicht keine festgelegte Bezeichnung für diese Bestandteile der Zugaufstellung. Aus reiner Verlegenheit sprach man erforder­lichenfalls von der „Spitze des Zuges“. Das in den 1980er Jahren auftauchende Wort „Vorspann“ setzte sich unverständlicherweise nicht durch. Erst über die Schützen­ausmärsche 1989 und 1990 wurde ansatzlos der Begriff „Vorzug“ installiert. Und auch bis zum Terminus „Zugaufstellung“ war es übrigens schon ein holpriger Weg gewesen. Der ursprüngliche Ausdruck „Zugordnung“, selten mal abgewechselt mit „Zugeinteilung“, wurde nach den 1950er Jahren irgendwie fallengelassen, ohne daß Ersatz zur Verfügung gestanden hätte. Versuche, in den 1970er Jahren „Zugfolge“ einzuführen, schlugen fehl. Hier waren es dann die Schützenausmärsche 1978 und 1979, über die der neu erdachte Begriff „Zugaufstellung“ seinen Dienst antrat.









Reifegrad der 1960er Jahre  /  Magis-Gebäude

In den 1960er Jahren hatte sich die flammende Leidenschaft der 1950er Jahre, als man dem eigenen Kulturgut geradezu ausgeliefert gewesen war, etwas runter­gekühlt. Mit den vielen Neuerungen konnte sicher umgegangen werden, auch sah die zerstörte Innenstadt schon wieder ganz ordentlich aus. Andererseits deutete noch nichts auf die dekadenten Merkmale der 1970er Jahre hin, auf die maßlosen Dimensionen, die Flut an auswärtigen und an „sonstigen“ Gruppen, das Sich-selbst-feiern der vergegenwärtigten Herrlichkeit. Zwischendrin lagen sie, die unvergleich­lichen 1960er Jahre. Da wurde weder zu viel nachgedacht, noch zu wenig, man „machte“. Mit einfachen Mitteln, ohne Pomp. Statt der möglichen Besinnung auf die Geschichte war die Attitüde als beeindruckendes Wunderwerk mentaler Stärke mit jeder Faser auf zeitlos-modern justiert. Und alles Tun hatte diesen natürlichen Antrieb, diese ehrliche Note, wie es nur eine Phase lang vorkommen kann. Was strahlte das Brauchtum für unbeirrte Souveränität aus, betörend die Abgeklärtheit, von solcher Erhabenheit umwittert, sagenhafter Idealzustand.

Auf den Punkt gebracht wurden die 1960er Jahre von den Erscheinungen am und im Magis-Gebäude. Schon aus hunderten Metern Entfernung, wenn der Zug vom Südostflügel der Georgstraße her geradewegs darauf zusteuerte, konnten die Schützen auf einem Banner den Gruß lesen, der hoch über dem Kröpcke zwischen gediegener Monumentalität und atemberaubendem Understatement oszillierte: „Ein Hoch den wackeren Schützen“. Im 1. Stock des Kaufhauses waren die Schaufenster zu exklusiven Zuschauerplätzen umgenutzt. Ob es von vornherein der Plan sein sollte, oder ob es sich bei der Sexyneß des Schützenausmarschs un­weigerlich ergeben mußte - in den Fenstern saßen fast nur beinzeigende Damen. Welch ein ikonisches Zusammenspiel war das bitte?! Dieses Szenario, so maß­geschneidert, eigentümlich und unverwechselbar, hätte weltberühmt werden können. Nicht auszudenken, wo der Schützenausmarsch und die Stadt Hannover allgemein heute stünden, wenn es damals einer größeren Öffentlichkeit bekanntgeworden wäre.












Edelfan Viktoria Luise

Unverhofft erhielt das Hannoversche Schützenfest noch einmal monarchische Unterstützung. Viktoria Luise von Preußen, Tochter des letzten deutschen Kaisers Wilhelm II., hatte in die welfische Linie Hannover eingeheiratet. Als Förderin volkstümlicher Traditionen wurde sie auf das Schützenfest aufmerksam, und ehe sie sich versah, feierte sie auch schon in den Festzelten mit. Zu den Schützen­ausmärschen der 1950er und 1960er Jahre stand Viktoria Luise auf dem Balkon des Bankhauses Basse in der Georgstraße am Südende des Opernplatzes. Die meisten vorüberkommenden Kapellen spielten dann an jener Stelle entweder den „Hannoverschen Königsgruß“ oder „Ihr lustigen Hannoveraner“. Fahnen der Schützenvereine wurden gesenkt, alle Schützen schauten hoch. Aber dann kam das Jahr, als der Balkon leer blieb. Inzwischen ist er sowieso von Bäumen verdeckt (hier klicken für ein Bild von den heutigen Verhältnissen).

Die Kaisertochter wollte mehr aus ihrer Popularität machen. Deshalb nahm sie die ganzen 1970er Jahre hindurch - etwas maskottchenartig - selbst am Umzug teil. Im Block der USG 37, für die ja von der welfischen Linie Hannover ein Protektorat (= Schirmherrschaft) ausgeübt wird, fuhr sie in einer Kutsche. Ihr Enkel, der von manchen Medien so genannte „Prügelprinz“ Ernst August, tat es ihr 1983 (im Block der Jagdsportgesellschaft v. 1949) und 1991 (bei der USG 37) nach. Dessen Sohn Erbprinz Ernst August mischte sich in den 2010er Jahren sporadisch unter die Fußgruppe der Ehrengäste, blieb danach aber trotz bekundeten Gefallens fern.


„Hannoverscher Königsgruß“:


Im Begriffe, eine Blume hinabzuwerfen, befindet sich Viktoria Luise hier lotrecht unter der Drahtkreuzung:







Zur Zeit des Erlebnisberichts von 1836 lag der Termin noch früher als heute:



Geschichte des Termins  /  Verlegung auf Sonntag

Lange Zeiten begannen die Schützenausmärsche morgens um 9 Uhr (daß der Zeitungsartikel von 1728 die Uhrzeit 10 Uhr nannte, ist zur Kenntnis zu nehmen). Die ebenfalls geschlossen absolvierten Rückkehren erfolgten je nach Verlauf der Wettbewerbe abends bis nachts. Im Erlebnisbericht von 1836 wurde der Start des Einmarschs am zweiten Tag mit 3 Uhr nachts vermerkt! Man kann sich ausmalen, daß die Schützen und anderen Beteiligten schon am Dienstag, besonders dann am Mittwoch immer sehr übermüdet gewesen sein müssen, und mindestens den Donnerstag im Bett verbracht haben dürften... Ab 1837 ging es morgens um 8:30 Uhr los. Diese krumme, notgedrungen wirkende Änderung zeugt davon, wie chronisch das Schießen und Feiern offenbar immer wieder in Zeitdruck mündete. Zur weiteren Abmilderung wurden außerdem die Einmärsche des Montags und des Dienstags abgeschafft, so daß nur ein einziger übrigblieb, angesetzt für 2 Uhr in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag. Ab 1865 galt morgens die Losmarschzeit 8 Uhr, und wohl zu 1874 oder 1875, als die Ausmärsche des Dienstags und des Mittwochs wegfielen, führte man keinerlei organisierten Einmarsch mehr durch.

Nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges gab es - soweit bekannt - sechs Jahre bzw. Phasen ohne Schützenausmarsch: 1659 (wegen des Todes der Landesmutter „ist das Auß- unnd Einziehen mit der Fahnen gentzlich eingestellet worden“); 1803-1813 (Napoleonischer Feldzug); 1866 (Deutscher Krieg, Schlacht von Langen­salza, Annektion Hannovers durch Preußen); 1915-1920 (1.WK); 1940-1949 (2.WK); 2020/2021 (Corona-Politik).

Kommen wir zur kalendarischen Terminierung. Seit aus dem Nebel der Geschichte heraus genaue Daten dazu vorliegen, hatte man sich von der Bindung an den Johannistag (24. Juni) bereits gelöst. Nicht mehr der erste Montag nach dem 24. Juni war der Stichtag, sondern der zweite Montag nach dem 18. Juni, d.h. frühestens der 26. Juni und spätestens der 2. Juli. Die Orientierung am 18. Juni ist sicher, der Sinn dahinter indes zwar nicht verbrieft, aber kaum fraglich. Man bezog sich auf den Jahrestag der Waterloo-Schlacht von 1815 (damit ließe sich dann auch der Zeitraum gut eingrenzen). Durch die Beteiligung etlicher Bataillone aus dem ganzen Land Hannover und insbesondere den aufopferungsvollen Gefechtskampf der hannoversch-stämmigen Elite-Einheit „King´s German Legion“ fiel in Deutschland zuvorderst der Stadt Hannover die Aufgabe der Ehrung und der Gedenkpflege zu. Wieviel Bedeutung man dem beimaß, zeigt sich ja noch heute anhand des Waterlooplatzes mit der Waterloosäule in Hannover, sowie auch an Erinnerungsstätten vor Ort bei Waterloo in Belgien (hier klicken). Zu 1846 wurde der Stichtag vom zweiten auf den dritten Montag nach dem 18. Juni verschoben, d.h. frühestens den 3. Juli und spätestens den 9. Juli. Der Grund: Auf dem Festplatz sitzt bei den Leuten am Anfang eines Monats das Geld lockerer als am Ende eines Monats. Mit dem 1872 gastgebend von Hannover ausgerichteten „Bundes­schießen“ kam man auf den Geschmack, das Schützenfest möglichst in der Monatsmitte zu plazieren, und zwar weil die Ausgabefreudigkeit dann noch höher ist. Statt per Regel ergab sich der Termin nun aus jährlicher Bestimmung. Die jeweiligen Montage als Stichtage lagen auch mehr als eine Woche auseinander, nämlich im Bereich vom 7. Juli bis zum 18. Juli. Aus Rücksicht auf anderswo abgehaltene Bundesschießen wurde mehrmals nach vorn auf einen Stichtag zwischen dem 19. Juni und dem 24. Juni ausgewichen (1865, 1890, 1897, 1909, 1912). Ab dem Jahr 1892 kehrte man doch an den Monatsanfang zurück; Stichtag sollte ein Montag vom 1. Juli bis zum 8. Juli sein. Damit war man fast bei dem bis heute verwendeten Rahmen gelandet. Um wieder einen Automatismus des Kalenders zu erhalten, mußte nur noch der achte Tag davon weggeknipst werden. Dies wurde vermutlich nach dem 2.WK beschlossen, faktisch war der 8. Juli jedoch schon nach 1907 aus dem Spiel.

In den 1960er Jahren befaßte man sich mit dem Gedanken, den Schützen­ausmarsch auf das vorhergehende Wochenende zu verschieben. Einiges sprach dafür: 1. Vermeidung des Zusammenpralls mit dem neuartigen Autoverkehr und allgemein mit dem Geschäftsbetrieb am Montagmorgen in der Innenstadt. 2. Erleichterung der Teilnahme für Berufstätige und Schüler, sowohl aus Hannover als auch besonders von außerhalb (Schützenvereine mußten mitunter gar für Verdienst­ausfälle seitens der Musiker aufkommen; das wertvolle System mit den eingeladenen Gastvereinen konnte sich nicht recht entwickeln). 3. Touristische Vermarktung, wobei damals die Zuschauerreihen ohnehin zum Bersten gefüllt waren. Als eifrigster Verfechter der Idee trat Oberbürgermeister August Holweg auf. Neben den beiden Sonntagsterminen anläßlich der Bundesschießen 1955 und 1965 hatte wohl schon der Schützenausmarsch 1958 probeweise Samstag­nachmittag stattgefunden. Aber jetzt machte man richtig Ernst, für 1969 und 1970 wurde zum weiteren Testen der Samstagmorgen (8 Uhr) angeordnet. Viele Hannoveraner einschließlich der Schützen zeigten sich demonstrativ muffelig. 1971, wieder am Montag, bekundeten sie mit überwältigend großem Andrang, welcher Wochentag ihnen heilig war. Doch die Argumente der Gegenseite - darunter aus dem Schützenlager die SG Wilhelm Tell - ließen sich nicht mehr beiseiteräumen. Unbremsbar schlitterte der Schützenausmarsch auf einen dauerhaft anderen Wochentermin zu. Der Sonntagvormittag sollte es schließlich ab 1974 werden, zunächst mit Startzeit 9 Uhr, später - jedenfalls nach 1984 - geändert auf 10 Uhr. Seitdem fällt der Stichtag kalendarisch in den Rahmen vom 30. Juni bis zum 6. Juli. Mit der Kirche wurde damals der Kompromiß ausgehandelt, für den im Marktkirchengebäude am Sonntagvormittag unmöglich werdenden Gottesdienst eine gemeinsame Ersatzveranstaltung abzuhalten. Deshalb wird das Hannoversche Schützenfest heute am Freitag kurioserweise mit einem Gottesdienst in der Marktkirche eröffnet.

Auf dem Sonntagstermin erlangte der Schützenausmarsch Hannover sofort den Status des größten Festumzugs Europas. Innerhalb kürzester Zeit verdoppelte sich die Teilnehmerzahl auf den Allzeitrekord 14.000 im Jahr 1977, bevor man sich in den 1980er Jahren offenbar an eine Obergrenze der Vernunft von 12.000 zu halten begann. Ab 1979 erschien er jedes Jahr in der „Tagesschau“ (ARD) und in den „Heute“-Nachrichten (ZDF), seit 1983 überträgt der NDR live. Zunächst mußte man den Eindruck bekommen, daß der Sonntagstermin eine Erfolgsgeschichte sei. Doch schleichend brachen die verheerenden langfristigen Folgen durch. Kurz gesagt: Der Schützenausmarsch ist nicht mehr mit dem Stadtleben verschränkt. Ausführ­licheres dazu beizeiten an anderer Stelle, da hier mehr die Faktenaufzählung im Vorder­grund stehen soll. Als Effekt, welcher mit der Terminverlegung zusammen­hängt, kann zumindest noch die Hitzegefahr angesprochen werden. Natürlich nicht wegen des Wochentags, sondern wegen der späteren Startzeit in Verbindung mit der gewachsenen Zuglänge, drohen heute Temperaturen, die den eisernen Grundsatz „Der Schützenausmarsch findet bei jedem Wetter statt“ ins Kippen bringen. Schon 1976, im gerademal dritten Jahr also, was auch als Warnung hätte verstanden werden können, schwebte die Veranstaltung hitzebedingt am Rande der Durchführ­barkeit. 2019 war Marschieren und Musizieren noch eben möglich, unbewegtes Zuschauen unter freiem Himmel aber keinesfalls mehr. Den Schützen­ausmarsch 2019 hat es daher zugleich gegeben und nicht gegeben, beides stimmt. Zu ein paar gespenstischen Szenen davon hier klicken.




Mitglieder des „Städtischen Musikkorps der Berufsfeuerwehr Hannover“ stehen 2000
letztmalig in der Eigenschaft als erster Musikzug unmittelbar vor dem Neuen Rathaus:




Bestückung mit Musikzügen

Aus der Urgeschichte heraus wurde der Schützenausmarsch als städtische Angelegenheit von den Stadtmusikanten bespielt. Die Stadtbehörde Hannover unterhielt wie jede Stadt für solche Zwecke eine offizielle Kapelle. 1818 war Schluß mit der althergebrachten Beschaulichkeit, denn im frischgebackenen Königreich Hannover taten sich Möglichkeiten für eine Zeitenwende auf. Fortan wurden gleich drei heimische Militärkapellen angeheuert (des Garderegiments, der Gardejäger, der Artillerie), die nicht zuletzt über bessere Instrumente verfügten. Dem Anlaß entsprechend verzierten sie sich gleich den Schützen mit Eichenzweigen. Seit der Unterteilung des Gesamtzuges in drei Züge werden sie sicherlich jeweils an den Spitzen gespielt haben. Auch noch ein paar weitere Musikzüge traten ins Geschehen ein, über deren Organisationsstruktur wir nichts wissen. Außer den militärischen wurden jedenfalls keine anderen staatlichen Kapellen genannt, was insofern von Belang ist, als daß ja heutzutage in der Hinsicht sehr viel über die Feuerwehren läuft. Wenn eine bestimmte Kapelle angesprochen werden sollte, nannte man sie mit dem Namen des Kapellmeisters, und dahinter konnte sich vieles verbergen. Leicht vorstellbar ist hingegen das optische Erscheinungsbild, das sich kaum von heute unterschied, orientieren sich doch gerade die Musikzüge bevorzugt an historischen Militäruniformen.

Im Kaiserreich, das kann zumindest für die Zeit ab den 1890er Jahren gesagt werden, spielten an den Spitzen der drei Züge die „73er“ (vom Füsilier-Regiment Nr. 73 am Waterlooplatz), die „74er“ (vom Infanterie-Regiment Nr. 74 am Welfenplatz) und eine „Kützingsche Kapelle“ (auch als „Hannoversches Konzertorchester“ bekannt). Zu ihrer Optik fehlt jede Angabe, Militärkapellen müßte man sich aber grundsätzlich in Dunkelblau mit roten Akzenten und mit Pickelhauben vorstellen. In den Photo-Tafeln sieht man auf Bildern vom Einzug auf dem Rundteil jedoch, daß die wichtigste Kapelle eine an den Schützenausmarsch angepaßte Kleidung trug. Das System der Leitkapellen für die einzelnen Züge mag uns jetzt ungewohnt anmuten, allerdings bildeten die 73er damit - hinter den Tambouren - den vordersten Musikzug, was wiederum eine nach wie vor genau beachtete Position ist. Die Gesamtanzahl der Musikzüge betrug in der „Wankzeit“ z.B. 15 Stück 1882, aber nur 6 Stück 1888, ehe sie sich für den Zeitraum 1895-1905 auf etwa 11 einpendelte. Von der entstandenen und wachsenden Landschaft der Schützenvereine mit ihrem hohen Bedarf an begleitenden Musikzügen scheint ein schritthaltender Anstieg recht gut erzwungen worden zu sein. So lag die Anzahl in den Jahren vor dem 1.WK bei etwa 18, zwischen den Weltkriegen bei 30-40. Allgemeine Blaskapellen waren gegenüber Spielmannszügen deutlich in der Mehrheit, was etwas verwundert, da Letztere bei Straßenumzügen aus mehreren Gründen eigentlich ihre Domäne haben müßten (vorteilhafte Wendigkeit, ordentlicheres Aussehen, Brisanz verheißender nicht-alltäglicher Klang). Zur Organisationsstruktur gibt es immer noch keine Hinweise, also auch nicht zu der Frage, ob vielleicht innerhalb der Schützenvereine Musikzüge begründet wurden. In der Weimarer Republik nannte man selbst die Kapellen an den Spitzen der Züge bloß nach den Kapellmeistern. Womöglich handelte es sich sämtlich um Militärkapellen, zumal auch die beiden weiteren in Hannover ansässigen, diejenigen vom Feld-Artillerie-Regiment Nr. 10 und vom Königs-Ulanen-Regiment Nr. 13, nun ständig beim Schützenausmarsch am Start waren. Im Dritten Reich sollten dann die einschlägigen Gruppen jener Zeit den Ton angeben.

Für die Phase der Weimarer Republik sind die Vorlieben bei der Liederauswahl bekannt. Man bevorzugte wiederkehrende Weisen gegenüber Vielfalt. Hauptsächlich war der Schützenausmarsch von nur drei Liedern eingenommen: 1. „Ihr lustigen Hannoveraner“, die Lokalhymne schlechthin, wenn auch eigentlich auf das Land Hannover bezogen. 2. „Ich schieß den Hirsch (im wilden Forst)“, ein Lied jagdlicher Herkunft. 3. „Lützows wilde verwegene Jagd“, ein Lied militärischen Hintergrunds. Allen dreien ist gemeinsam, daß sie - im Gegensatz etwa zu den großen preußischen Märschen - außer Noten auch Texte haben, welche zwar beim Schützenausmarsch schlecht mitgesungen werden konnten, aber die starke Wirkung zu erklären vermögen.

Historisch litt die musikalische Versorgung des Schützenausmarschs unter ureigenen Hinderungen. Lange Zeit mußte sie allein von der Stadtbevölkerung gestemmt werden, dies aus Prinzip nur von der männlichen Hälfte, abzüglich der Schützen. Nach dem 2.WK stieg zwar die Mobilität an, womit aber nicht einher­ging, daß man Musikzüge aus dem Umland gewinnen konnte, denn da stand noch der außerhalb Hannovers schwer vermittelbare Montagstermin im Wege; von den nachts beginnenden Vormärschen gar nicht zu reden. Zupaß kam nun andererseits der um Völkerverständigung bemühte Zeitgeist. Da für eine Auslandsreise eh Urlaub genommen werden muß, konnte dieser ja auf die Tage des Schützenfestes in Hannover gelegt werden. Und so durfte man beim Schützen­ausmarsch plötzlich hochklassige Musikzüge aus dem Ausland begrüßen. In rauhen Mengen strömten sie herbei, vielfach vor allem aus Großbritannien, Benelux und Skandinavien. Von den britischen Besatzern spielten außerdem Kapellen ihres in Deutschland stationierten Militärs. Auch dank dieser internationalen Beteiligung erhöhte sich die Anzahl der Musikzüge noch während des Montagstermins (1964: 64 Stück. 1973: 88 Stück). Mit der Verschiebung zum Sonntag schnellte sie 1974 auf unglaubliche 120 empor. Das sind Sphären, in die kein anderer Festumzug Deutschlands je vorgedrungen ist; europa- und weltweit kann diesbezüglich sonst nur noch die Basler Fastnacht als Beispiel angeführt werden! Der Schützen­ausmarsch hatte nun unerschöpflichen Zugriff auf Musikzüge. Eine weitere Steigerungstendenz gipfelte 1998 in wahnsinnigen exakt 150 Stück. Danach fiel die Anzahl wieder zurück auf aktuell 90-95.

Den Posten als vorderster Musikzug bekleidete ab den 1950er Jahren die Kapelle der Berufsfeuerwehr Hannover (teilweise nahm sie zur Gewährleistung un­unterbrochenen Spiels einen Spielmannszug hinzu, der dann sogar direkt vor ihr laufen durfte). Einzig 1974 war es anders, da rückte das Polizeiorchester nach ganz vorn, weil die Feuerwehrmusiker aus unbekannten Gründen fehlten. In den 1990er Jahren erreichte der Dirigent des Feuerwehr-Musikkorps einen beim Schützen­ausmarsch sonst sehr seltenen Stand als Persönlichkeit. Er leitete noch zwei weitere Blasorchester, und wenn diese manchmal ebenfalls angemeldet waren, ging er die Strecke folglich in wechselnden Uniformen bis zu dreimal durch... Die Uniform der Feuerwehr`ler ähnelte dem Bild der vielen Musikzüge Freiwilliger Feuerwehren, nur daß zu düster blauen Jacken und schwarzen Hosen die Schirmmützen in Weiß getragen wurden. Nach dem Jahr 2000 löste sich das Feuerwehr-Musikkorps als Marschkapelle auf. Die freigewordene Stelle des ersten Musikzugs ist seit 2001 durch das Heeresmusikkorps Hannover besetzt, welches auch vorher schon beim Schützenausmarsch tätig gewesen war, zuletzt bereits als feste Nummer innerhalb des Vorzugs.


Ein Schnappschuß - 1995 schwingen die Dirigenten des Städtischen Musikkorps der Berufsfeuerwehr Hannover, eines chilenischen Polizei-Musikzugs, des Heeresmusikkorps Hannover und eines englischen Militär-Musikzugs vor ihren vier Kapellen den Taktstock zum Auftaktlied „Alte Kameraden“:




„Ihr lustigen Hannoveraner“ (Schellackplatten-Aufnahme der Kapelle Füsilier-Regiment 73 !!!):

„Lützows wilde verwegene Jagd“:                        „Ich schieß den Hirsch“:        
  





Historisierende Schützenausmärsche 1927 / 1979 / 1991

Zur Würdigung des hundertjährigen Bestehens des (ersten) Schützenplatzes in der Ohe erhielt der Schützenausmarsch 1927 einen rückblickenden Anstrich. Quer durch den Zug veranschaulichten Teilnehmergruppen die Entwicklung des hannoverschen Schützenwesens, angefangen beim Schießen per Armbrust. Mehr Informationen liegen dazu nicht vor, man kann nur davon ausgehen, daß keine Wagen verwendet wurden. Zur Zeit der Weimarer Republik sollen auch sonst öfter kleine Schützen­blöcke in historischen Kostümen unterwegs gewesen sein.

450 Jahre Hannoversches Schützenfest - da mußte der Schützenausmarsch im Jahr 1979 wieder eine Schippe drauflegen. Zahlreiche Schützen, Musiker und sonstige Teilnehmer gingen in historischer Kleidung. Über 360 Pferde zählten zum Aufgebot, verteilt auf u.a. 19 Reitergruppen und 74 Kutschen. Mit thematischen Festgruppen und Festwagen wurde die interessante Geschichte der Stadt und ihres Schützen­wesens dargestellt: Armbrustschützen am Papagoyen-Baum 1529, historische Postkutsche, Georg II. - Kurfürst von England und König von Hannover, Bothfelder Wehr- und Wachturm, Musketiere und Marketenderinnen, Hofgesellschaft Herrenhausen, Bürgerwehr 1800, „King`s German Legion“ aus den Befreiungs­kriegen (s. Photo unten), Jathos Motorflug 1903 in Hannover, Schafferpokal 1665, Revolutionär Wilhelm Busch mit „Max und Moritz“, Polizey-Commissarius 1787, Herolde als Überbringer der Einladung zum „Schützenhof“ 1601, Jagdgesellschaft Tiergarten, Kaufmannslegende Johann Duve, Wilhelminische Zeiten, Roßarzney­schule Hannover 1579, die vier Quartiersfahnen 1613, Einzug des Königs Ernst August in Hannover, Wilhelm-Tell-Sage, Lindener Feuerwehr 1887, Hinrichtung des Raubmörders Jaspar Hanebuth (s. Photo unten), Ballhof-Gesellschaft, Schützenfest 1775, Dampflokomotive „Ernst August“, Wilddiebe, einmarschierende Preußen 1866, alte Münzpresse, u.v.m. Für einen besonderen Höhepunkt sorgte Hannovers englische Partnerstadt Bristol mit einer 125 Jahre alten Prunkkutsche, die samt Pferden eigens von der Insel überführt worden war. Und die Harburger Schützen­gilde (Hamburg) präsentierte aus ihrem Besitz neben einem Vogelwagen die geheimnisvolle Kanone „Schöne Hannoveranerin“.

Schon 1991 fand man erneut Anlaß zu einem Schützenausmarsch voller Historiendarstellungen, denn nun hatte Hannover das 750. Stadtjubiläum zu feiern. Es scheint so, daß diesmal die Umsetzung der Themen weniger eigenverantwort­lich den Gruppen oblag, sondern daß mehr übergeordnet koordiniert und fachlich beraten wurde. Einige Geschichten überschnitten sich dabei mit 1979, die meisten waren aber neu: Landwehr in der Eilenriede, Sachsenherzog Heinrich der Löwe 1163 in Hannover, Leineschiffe, Hannover erhält die Stadtrechte, Hochradfahrer 1890, heimkehrende Kreuzritter bringen den Papagoyen mit, Burg Lauenrode, Gilden und Zünfte im 13.-14. Jahrhundert, Madonna von Hainholz, Spartaner auf dem Döhrener Turm, Brotscharren, Zoo Hannover 1865, Leibniz, Belagerung Hannovers im Dreißigjährigen Krieg, Lindener Kanone 1840, Kurfürstin Sophie mit Hofstaat, Till Eulenspiegel in Hannover, Armbrustschützen sichern den Markt­flecken Honovere 1100, Handwerker auf der Walz, Knigge, Volksspiel Luderziehen, Ratssitzung 1460, Brauer Cord Broyhan, Schützenknecht 1756, Windmühle auf dem Lindener Berg, Hannover wird Residenz 1636, Steinkohle vom Deister, Hansestadt Hannover, Schorsenbummel, Bundesschießen 1872, u.v.m. Es fällt übrigens auf, daß beide Male nicht an Cord Borgentrick gedacht wurde, den Helden vom Aegidientor, über den es sogar Sagenstoff als Schützenkönig beim Papagoyen-Schießen gibt.










Mitlaufender „Ballerkalle“

1975 kam das Schützenfest-Maskottchen „Ballerkalle“ zur Welt. Als Grafik ist er eine große Erfolgsgeschichte, wohingegen die lebendige Figur nicht allzu populär wurde. Deshalb mangelt es auch an Informationen über den Werdegang von Ballerkalle als Zugteilnehmer. In den 2000er Jahren ging keine offizielle Figur im Zug mit, dafür brachte die SG Bemerode selbständig einen - aufwendigeren, aber äußerst häßlichen - Ballerkalle an den Start. Ansonsten siehe Bilder. Mehr Wissen konnte noch nicht gesammelt werden.









Ein Gedicht von 1985 unter dem Titel „Erinnerung eines Schützenbruders
an den Schützenausmarsch in Hannover“ (etwas bearbeitet):

// Trommelschlag hallt dumpf nach Mitternacht / Dann irgendwo Blasmusik, bin davon aufgewacht / In den Schatten der Häuser und leeren Gassen / Sonst Stille, indessen die Sterne verblassen / Bei „Besten Männern“, Königen, angekommen / Zur Ehrung zum Ausmarsch sie mitgenommen / Noch kämpft die Nacht mit dem Morgenlicht / Auf in den Tag, der bald anbricht / Ein Sommermorgen, voll taufrischem Duft / Versorgt er uns fröhlich mit köstlicher Luft / Schützentag! Ausmarsch im Julimond / Frohsinnvolles Jubelfest, lang schon gewohnt / Aus sehr alten Zeiten, lebendiger Brauch / Blieb uns erhalten trotz Kriegsbrand und Rauch / Von nah und von fern sind sie alle gekommen / Auch im Ausland hat man vom
Feste vernommen / Dichtgedrängt Menschen am Straßenrand / Grüßen mit Blumen, außer Rand und Band / Wirbeln die Trommelstöcke, tönen Fanfaren / Marschieren die Schützenzüge in hellen Scharen / Ehrwürdige Fahnen, sie wehn stolz im Wind / Die aus den Feuerstürmen gerettet, geblieben sind / Es lebe der Schützen hoch sportliche Kunst / Ihr weihn wir uns wieder mit Verlaub und mit Gunst / Geloben als Schützenbrüder heute aufs Neue / Wir wollen halten dem Brauchtum die Treue //.







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